Dossier · aktuelles Thema
Dossier: Quantencomputer und digitale Unterschriften
Stand: 30. September 2026
Stand in drei Sätzen
Ende März 2026 haben Forscher von Google Quantum AI, Stanford und anderen geschätzt, dass ein Quantenrechner mit weniger als einer halben Million physischer Qubits das Signaturverfahren von Bitcoin und Ethereum in Minuten brechen könnte – deutlich weniger als in früheren Schätzungen; einen solchen Rechner gibt es nicht, und die Studie nennt kein Jahr. Unabhängig von Bitcoin haben sich die EU-Staaten verpflichtet, bis Ende 2026 mit der Umstellung auf quantensichere Verschlüsselung zu beginnen und Hochrisiko-Anwendungen bis Ende 2030 umzustellen. Für Bitcoin liegt ein Vorschlag für eine quantensichere Adressart (BIP-360) als Entwurf vor; beschlossen oder aktiviert ist nichts.
Chronik
| Datum | Was geschah |
|---|---|
| Ende 2026 | Frist: Die EU-Staaten sollen nationale Pläne, Bestandsaufnahmen ihrer Verschlüsselung und erste Pilotprojekte vorlegen. |
| 30.03.2026 | Google Quantum AI veröffentlicht neue Ressourcenschätzungen für das Brechen der Bitcoin-Signaturen (nicht begutachtete Vorabveröffentlichung). |
| Anfang 2026 | BIP-360 („Pay-to-Merkle-Root“) wird als Entwurf in das Verzeichnis der Bitcoin-Verbesserungsvorschläge aufgenommen. |
| 23.06.2025 | Die NIS-Kooperationsgruppe der EU veröffentlicht den gemeinsamen Fahrplan zur Post-Quanten-Kryptografie (Fristen 2026, 2030, 2035). |
| August 2024 | Das US-Normungsinstitut NIST veröffentlicht die ersten Standards für quantensichere Verfahren. |
Was die Studie sagt – und was nicht
- Die Zahl: weniger als 500.000 physische Qubits, unter der Annahme einer Fehlerrate von 1 zu 1.000 je Rechenschritt. Heutige Prozessoren liegen um Größenordnungen darunter.
- Das Angriffsziel: die digitale Unterschrift, mit der Zahlungen freigegeben werden – nicht das . Gefährdet sind vor allem Beträge auf Adressen, deren öffentlicher Schlüssel bereits sichtbar ist, darunter sehr alte, vermutlich verlorene Bestände.
- Die Belegform: Die Rechenwege sind aus Sicherheitsgründen nicht offengelegt, sondern nur mit einem kryptografischen Beweis bestätigt. Eine Begutachtung steht aus; Hauptautor ist ein Hersteller von Quantenhardware.
- Die Politikfrage: Die Autoren werfen selbst auf, wie mit „verwaisten“ Beständen umzugehen ist, die nie auf sichere Adressen umziehen werden – eine Frage, die über Technik hinausgeht.
- Die Gegenposition: Eine begutachtete Arbeit aus Oxford hält es für physikalisch ausgeschlossen, dass die heute verfolgten Technologien je die nötige Größe erreichen. Wie nah die Gefahr ist, bleibt umstritten.
Einordnung für Abgeordnete
Die Quantenfrage ist keine Bitcoin-Frage. Dasselbe Verfahren, auf das die Studie zielt, sichert Online-Banking, Behördenportale und verschlüsselte Web-Verbindungen. Der EU-Fahrplan gilt genau dafür – und damit auch für die eigene Verwaltung.
Bitcoin kann umstellen – aber nicht auf Anordnung. Neue Signaturverfahren lassen sich per Softwareänderung einführen; dafür braucht es Einigkeit der Nutzer und Betreiber, keine Behörde. Das dauert. Der Vorschlag BIP-360 zeigt, dass die Arbeit begonnen hat.
Wo Rückfragen ansetzen:
- Hat die Bundesregierung die bis Ende 2026 geforderte Bestandsaufnahme der Verschlüsselung in der Bundesverwaltung vorgelegt?
- Welche Systeme der Finanz- und Steuerverwaltung gelten als Hochrisiko-Anwendungen mit Frist 2030?
- Wie stellt die Aufsicht sicher, dass Banken und Krypto-Verwahrer ihre Kundenbestände rechtzeitig umstellen?
Politische Einordnung, keine Anlageberatung.
Quellen & weiterführende Ressourcen (5)
- A
Securing Elliptic Curve Cryptocurrencies against Quantum Vulnerabilities: Resource Estimates and Mitigations ↗Babbush, Gidney, Boneh u. a. (Google Quantum AI, Stanford, UC Berkeley, Ethereum Foundation), 30.03.2026 · Fachaufsatz (Vorabveröffentlichung)Nicht begutachtete Vorabveröffentlichung; die Rechenwege sind aus Sicherheitsgründen nur per Zero-Knowledge-Beweis belegt. Hauptautor ist ein Hersteller von Quantenhardware. Nennt keine Jahreszahl für einen ausreichend großen Rechner.▸ Zitate & Einordnung (1 Zitat)
„On superconducting architectures with 10−3 physical error rates and planar connectivity, those circuits can execute in minutes using fewer than half a million physical qubits.“
– Babbush, Gidney, Boneh u. a. (Google Quantum AI, Stanford, UC Berkeley, Ethereum Foundation), 30.03.2026, Abstract Anmerkung: Übersetzt: Auf supraleitenden Architekturen mit einer physikalischen Fehlerrate von 10−3 und ebener Verschaltung lassen sich diese Schaltkreise mit weniger als einer halben Million physischer Qubits in Minuten ausführen.
- ANIS-Kooperationsgruppe veröffentlicht EU-Roadmap für quantensichere Kryptografie ↗Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), 11.07.2025 · Behördliche MitteilungFasst den gemeinsamen Fahrplan der Mitgliedstaaten zusammen (Beginn bis Ende 2026, Hochrisiko-Anwendungen bis Ende 2030, weitestgehend alle Systeme bis Ende 2035); das BSI hat ihn maßgeblich mitverfasst.
- A
Quantum technologies and post-quantum cryptography ↗Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Stand 2026 · Behördliche EmpfehlungPosition der zuständigen deutschen Bundesbehörde; verlinkt ist die englische Fassung, weil die deutsche Themenseite umgezogen ist.▸ Zitate & Einordnung (1 Zitat)
„From the BSI's point of view, the question of "if" or "when" there will be quantum computers is no longer paramount. […] the migration to post-quantum cryptography should be pushed forward.“
– Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Stand 2026, Einleitender Abschnitt Anmerkung: Übersetzt: Aus Sicht des BSI ist die Frage nach dem Ob oder Wann von Quantencomputern nicht mehr ausschlaggebend; die Migration zur Post-Quanten-Kryptografie sollte vorangetrieben werden. Das NIST hat die ersten Standards dafür im August 2024 finalisiert.
Einordnung: Der Gegenpol zur entwarnenden Lesart — und für Abgeordnete die maßgebliche Referenz, weil es die Position der eigenen Bundesbehörde ist.
- ABIP 360: Pay-to-Merkle-Root (P2MR) ↗Bitcoin Improvement Proposals (Beast, Heilman, Foxen Duke), Entwurf · Technischer VorschlagPrimärtext eines Änderungsvorschlags im Status „Draft“: eine neue Adressart ohne den quantenanfälligen Ausgabeweg. Die Aufnahme ins Verzeichnis bedeutet keine Aktivierung im Netz.
- A
Rational Quantum Mechanics: Testing Quantum Theory with Quantum Computers ↗Tim Palmer, University of Oxford; angenommen für die Proceedings of the National Academy of Sciences, Fassung vom 15.02.2026 · Peer-Review-StudieLeitet aus einer Quantenmechanik mit diskretem Zustandsraum eine Obergrenze der nutzbaren Qubit-Zahl ab.▸ Zitate & Einordnung
Einordnung: Palmer nennt 200 bis 400 Qubits als Grenze für die heute verfolgten Technologien und rund 1.000 als absolute Obergrenze; zum Brechen der Bitcoin-Signaturen wären nach aktueller Schätzung etwa 835 nötig. Wichtig für die Verwendung: Das ist eine neue Theorie, die der Autor selbst als überprüfbare Vorhersage formuliert — experimentell noch nicht bestätigt, und die absolute Obergrenze liegt nicht weit über dem genannten Bedarf.
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